Gordon Parks: This is America

 

Das erste Mal bin ich Gordon Parks in der C/O Foundation in Berlin visuell begegnet, in einer Foto Ausstellung über Food Fotografie. Das gemeinte Bild zeigt zwei Afroamerikaner in schwarzen Anzügen, die an einem Tresen sitzen und in ihren Büchern lesen. Auf der anderen Seite des Tresens, im Hintergrund, stehen zwei weiße Frauen, die sich weigern die beiden Männer zu bedienen. Diese Haltung lässt sich in ihrem entsetzen und angespannten Gesicht ablesen. Das Motiv erzeugt eine starke Wut in mir und ein absolutes Unverständnis über das abweisende Verhalten der beiden Frauen. 

 

Gordon Parks zeigt uns eine Realität, die in Amerika bis in die 1960er zum Alltag von Afroamerikanern gehörte, und zwar nicht ausschließlich in den Südstaaten. Mit dem Aufkommen des Civil Right Movements unter der Führung von Martin Luther King und der zeitgleichen Bewegung der Black Power, dessen Leitung bald schon Malcom X übernahm, änderte sich die allgemeine Stimmung und das Aufbegehren - gegen die Unterdrückung durch das Weiße Amerika - begann als öffentliche Revolution! Eine Revolution, der noch viele folgen werden.

 

Parks wurde im Bundesstaat Kansas geboren, als letzter Sohn von 15 Kindern. Nach dem Tod seiner Mutter verlässt er mit 15 Jahren das Elternhaus. Sein Ehrgeiz ist groß "etwas aus sich zu machen", allerdings muss er sich schon bald mit Hilfsjobs über Wasser halten und erfährt immer wieder Diskriminierungen aufgrund seiner Hautfarbe. Mit 25 Jahren kauft er sich seine erste Kamera im Pfandhaus, damals für 12,50 Dollar. Seine Fotografien kommen an und bald schon beginnt er als freischaffender Fotograf für Zeitschriften und Zeitungen zu arbeiten. Er dokumentiert das Leben der afroamerikanischen Communities in den Städten, als 1942 eine seiner berühmtesten Aufnahmen in Washington D.C. entsteht, nämlich American Gothic, eine Parodie auf das Gemälde American Gothic (1930) von Grant Wood, das einen Farmer und vermutlich seine Frau oder Tochter zeigt.

 

Parks fotografiert die Putzfrau Ella Watson in Frontalansicht und lässt sie aufrecht vor der amerikanischen Flagge stehen. Sie trägt ein gepunktetes Kleid, der Blick ist kühl. In der einen Hand hält sie einen Besen und ein bisschen weiter im Hintergrund steht ein Wischmop, wahrscheinlich an die Wand gelehnt. Die Fotografie wirkt befremdlich. Parks begleitet die Familie von Watson mehrere Monate und bekommt einen Einblick in das Leben der Afroamerikaner in Washington D.C. Nach der Veröffentlichung wird Ella Watson grundlos gekündigt. (via: The Gordon Parks Foundation)

 

Parks vertieft seine sozial dokumentarische Fotografie und sieht seine Kamera als "Waffe":  "I saw the camera could be a weapon against poverty, against racism, against all sorts of social wrongs." (Gordon Parks) Er legt den Finger in die Wunde und präsentiert uns die bittere Realität eines rassistischen Amerikas. Die Fotografien haben nichts von ihrer Wichtigkeit eingebüßt, diese Thematik ist bis heute Teil der amerikanischen Identität.

 

 

Nach dem Erfolg der Bildserie um Ella Watson bekommt Parks immer mehr Aufträge. Ab 1944 arbeitet er vier Jahre lang für die amerikanische VOGUE, als er 1948 fester Mitarbeiter für das Fotomagazin LIFE wird, dadurch hat er die Möglichkeit bis 1972 aktiv über die Diskriminierung der afroamerikanischen Bevölkerung zu berichten. Außerdem pflegt er Kontakte zu den führenden Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung und beteiligt sich selbst aktiv am Protest. Daraus resultierten beeindruckende Aufnahmen, die teilweise auch in privaten Zusammenkünften entstehen, darunter zum Beispiel  Muhammad Ali beim Training oder im Bademantel.

 

Parks erlangt großes Ansehen als Fotograf, aber damit nicht genug. Er arbeitet ebenfalls als Regisseur, als Musiker und schreibt eine Autobiographie bestehend aus fünf Teilen, den ersten Teil The Learning Tree hatte er bereits 1969 verfilmt. Ein Jahr später gründet er zusammen mit ein paar Freunden die Zeitschrift Essence, welche bis in die Nuller Jahre regelmäßig als Lifestyle Magazin für afroamerikanische Kultur erschien.

 

Ich musste kurz Luft holen, um mir die Geschichte und den Erfolg dieses Mannes vor Augen zu führen. Es scheint als wäre er von einer unglaublichen Energie angetrieben und nie müde geworden, trotz der Ungerechtigkeit, die er zeitlebens dokumentierte und die ihn selbst betraf. Seine Art der Dokumentarfotografie öffnet einen weiteren Blickwinkel auf die Geschichte der Ausbeutung und Unterdrückung der dunkelhäutigen Bevölkerung in Amerika. Parks beobachtet und inszeniert. Seine Szenen sind nicht unbedingt die Szenen der Grausamkeit, welche man aus den Geschichtsbüchern kennt, sondern es ist die unterschwellige Diskriminierung, die kleinen Details in Parks Bildern. Das Schild mit der Aufschrift "Colored",  das uns daran erinnert in welcher Zeit wir uns befinden. Hier zählt nur die Hautfarbe. Inzwischen sind die Schilder verschwunden, aber die rassistischen Vorurteile nicht.

 

Seit mehreren Generationen leben Schwarze und Weiße Menschen in den Staaten. Sie alle sind Amerikaner, aber Schwarze werden nicht als solche behandelt. Die Lebensbereiche gleichen sich zwar immer mehr, aber trotzdem wird ein Teil der amerikanischen Bevölkerung aufgrund seiner Hautfarbe ausgegrenzt und als minderwertig angesehen. "Separate but Equal" schreiben sich die Südstaaten nach dem Civil War auf die Fahne, um einer Gleichberechtigung entgegen zu wirken.  


Parks Bilder faszinieren mich und sie haben bis heute nichts an ihrer Wichtigkeit und bedauerlicherweise auch an ihrer Aktualität eingebüßt. Sie erzählen die Geschichte von einer zersplitterten Gesellschaft, welche sich bis heute nicht wirklich von ihrer Vergangenheit lösen konnte.  Für seine Arbeit wurde Parks mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er starb im Alter von 93 Jahren in New York City. Im Jahr 2016 widmete ihm die C/O Foundation eine Einzelausstellung, um auch in Deutschland mehr Resonanz für sein Werk herzustellen.  Da ich noch endlos weiter tippen könnte, schließe ich diesen Artikel mit einem Zitat, um die Bedeutung seiner Arbeit noch einmal hervorzuheben: "What I want. What I am. What you force me to be is what you are. For I am you, staring back from a mirror of poverty and despair, of revolt and freedom. Look at me and know that to destroy me is to destroy yourself. I am you."C/O Foundation )

 

"I had a great sense of curiosity and a great sense of just wanting to achieve. 

I just forgot I was black and walked in and asked for a job and

tried to be prepared for what I was asking for."

 

 Gordon Parks

 

 

all photos via: GORDON PARKS

text: THERESA LOU